Helmut Hartmann 90 Jahre

Helmut Hartmann 90 Jahre - Engagement gegen Antisemitismus! Geburtstagsansprache im Fürstenzimmer, Rathaus Augsburg von Leonie Herwartz-Emden





Helmut Hartmann wird heute 90 – geb. 1929, hat er schlimme Zeiten in Deutschland erlebt. Er hat - auf diesem Erfahrungshintergrund sehr viel bürgerschaftliches Engagement aufgebracht und zahlreiche Verdienste erworben in diesem langen Leben. Ich spreche heute für den Verein FiLL, den Helmut Hartmann 1995 mit einer Gruppe von engagierten Augsburger Bürgern gegründet hat. Der Verein steht für bürgerschaftliches Engagement, Frieden und interkulturell und interreligiös friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft - seit Jahrzehnten. Friedliches Zusammenleben in der interkulturellen Stadt braucht nachhaltiges Engagement, braucht Bildungsarbeit, die sich der Aufklärung widmet. Sich engagieren gegen Rassismus und Antisemitismus sind die Stichworte, die den Verein prägen.

Antisemitismus hat eine lange Geschichte und gehört bis heute zu den größten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Der Hass auf Juden, die Ablehnung des Jüdischen, wo immer es auftaucht, ist weit verbreitet. Antisemitismus drückt sich in Form von Schändungen von jüdischen Friedhöfen, judenfeindlichen Schmierereien, der Leugnung des Holocausts, (Brand-)anschlägen auf Synagogen sowie Beleidigungen und körperlicher Gewalt aus - und wie wir erfahren, nehmen gegenwärtig lang geplante Morde gegenüber Einzelnen (siehe der Mord an Lübke) oder großen Gruppen von Menschen zu.

Das Engagement von Helmut Hartmann ist – leider – aktueller denn je vonnöten. Wir sehen momentan einen „Dreiklang aus Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus“ (Marina Weisband bei Maybrit Illner). Dieser wird in eine einzige ideologische Blase gegossen auf rechtsextremen Plattformen wie 8chan, in denen auch der Täter von Halle, Stephan B. unterwegs war. „Diese Ideologie beinhaltet, dass es hier nicht nur gegen Juden geht, sondern gegen alle, die zu ‚Anderen‘ deklariert werden“, erklärt der ARD-Terrorismus-Experte Elmar Theveßen:. Diese „Anderen“ könnten Muslime sein, Menschen mit abweichender Meinung oder Feministinnen.

Ernst zu nehmen ist, dass wir es zunehmend mit in verschiedener Hinsicht gescheiterten jungen Männern als Attentätern zu haben, die sich in ein Konglomerat aus Frauenhass, Judenhasse, Hass gegen Muslime steigern. Stephan B. brüllt raus, wer schuld am schlimmen Zustand der Welt ist: Der Jude! Die Masseneinwanderung! Der Feminismus!

Ein junger Mann, der sich selbst beschimpft und Andere hasst - . Das klassische Täter-Muster: Ein junger Mann, der sich als Loser fühlt - er projiziert seinen Selbsthass auf die „anderen“. Er ist anfällig für radikale Ideologien. Denksysteme, die ihm erklären, wie er sein gekränktes, männliches Ego aufwerten kann. Erhöhung des Selbst durch Erniedrigung der anderen. Diese „Anderen“ sind bei Stephan P. Juden, Muslime und Frauen. Dabei ist Frauenhass quasi immer Teil des Hass-Gesamtpakets, denn im Kern steht bei diesem Typus Täter die gefühlte Entwertung als Mann (Emma). Wie wir sehen, ist das eine sehr gefährliche Mischung und verlangt gezielte gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Während unmittelbar und direkt ausgesprochener Hass auf jüdische Personen noch vielfach zu Entsetzen und Widerspruch führt, provoziert die indirekte, über Umwege geleitete Form der Ablehnung ganzer Gruppen der Bevölkerung – selbst wenn sie ebenso hasserfüllt ist – in vielen Fällen gar keine Reaktionen. Die renommierte „Mitte“-Studie der Friedrich Ebert Stiftung in Zusammenarbeit mit der Bielefeld Universität kam 2016 zum Ergebnis, dass lediglich 6 % der Deutschen antisemitisch sind und solchen Aussagen zustimmen, wie “Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen”. 2004 waren es noch 10 %, die solchen “klassischen” antisemitischen Aussagen zustimmten.

Dass Antisemitismus dennoch keine aussterbende, zu vernachlässigende Form der Menschenfeindlichkeit ist, zeigt ein genauer Blick: Während die Zustimmung zu klassischen Formen des Antisemitismus seit Jahren kontinuierlich abnimmt, äußern die Deutschen Antisemitismus zunehmend über Umwege. Vielfach geschieht dies in Form von antisemitischen Äußerungen mit Israelbezug - israelbezogenem Antisemitismus. In der sogenannten “Mitte”-Studie stimmten beispielsweise 40% der Deutschen der Aussage zu „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“. Eine Zusatzerhebung der Studie zeigt, dass die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen im Laufe des Gaza-Krieges 2014 rasant angestiegen war. Umgekehrt gefragt, sind die Zahlen deutlich: In einer 2018 bereits veröffentlichten EU-weiten Umfrage gaben 27% der befragten Jüd*innen in Deutschland an, dass Familienmitglieder in den letzten 12 Monate physisch oder verbal antisemitisch attackiert wurden. Nach Belgien (28%) ist das der zweithöchste Wert in der EU.

Unsere Gesellschaft braucht also das Engagement von Menschen wie Helmut Hartmann - Bildungsarbeit in der Stadt, das Engagement aus der Bürgerschaft, ist nötiger denn je - wir haben ihm viel zu verdanken! Vielen Dank!